Polarlichter –
Lichtmusik in
der Arktis
Leuchtende Lichtvorhänge des Polarlichts erhellen die langen Winternächte der arktischen Gebiete unseres Planeten. Überraschend tauchen sie dort auf, entfalten sich manchmal in vielfarbiger Pracht und verschwinden dann oftmals, so als ob nichts gewesen wäre. Sie wirken auf den Betrachter wie eine für die Ohren nicht hörbare Musik am Sternhimmel. Nur selten dringt dieser Lichtschein bis nach Mitteleuropa vor. Im Folgenden berichtet Sebastian Deiries von diesem Naturwunder des Nordens verbunden mit einer Reise in die Arktis.
Manchmal hören wir fast unglaubliche Berichte von Lichterscheinungen, die in den entlegenden Gegenden des Polarkreises gesehen werden. Diese klingen wie Märchen: man spricht von einem geheimnisvollen unsteten Licht, welches in den klaren Nächten der Arktis aufleuchtet. Es wird Polarlicht, Nordlicht oder wissenschaftlich Aurora borealis genannt.
In jedem Liebhaber von Natur und Sternen entsteht bei der Beschäftigung mit diesem Thema der Wunsch, einmal das Polarlicht mit eigenen Augen zu sehen. Schilderungen wie dieser Bericht sollen schließlich auch nur die Anregung sein, die Naturwunder selbst zu erleben und sich nicht immer nur auf die Aussagen anderer zu verlassen.
In Mitteleuropa ist das Polarlicht nur sehr selten zu sehen: die letzten Male am 13. März 1989 und am 6. April 2000. Die wenigen, die in jenen Nächten zufällig zum Nachthimmel blickten, reagierten sehr aufgeregt, wie folgende dpa-Meldung belegt:
(dpa, 7. April 2000) Polarlicht über Deutschland hat in
der Nacht für besorgte Anrufe bei der Polizei gesorgt.
Der leuchtende Himmel löste bei vielen Menschen Angst vor einer Giftgaswolke
aus. Polizei und Wetterämter konnten die Anrufer jedoch beruhigen. Von Flensburg
bis Augsburg war das Polarlicht zu sehen. Das Schauspiel ist in Deutschland
rund alle elf Jahre zu erleben, wenn die Sonnenaktivität am stärksten ist. Nach
Angaben von Astronomen kann sich das Schauspiel in den kommenden Nächten
wiederholen.

Abbildung:
Polarlicht über Deutschland (Mittelalterlicher Stich aus dem Jahre 1591 aus
Flack-Ytter: Polarlicht [3]
Es
ist möglich, sich über das Internet per e-mail etwa 1-2 Tage im Voraus vor
solchen Ereignissen warnen zu lassen: Anmelden kann man sich dafür unter der
Rubrik: „solar activity & auroras“ auf der Webseite: http://skyandtelescope.com/observing/proamcollab/astroalert/article_332_1.asp
Außerdem
läßt sich die aktuelle Polarlichtaktvität im Web wie eine Wettervorhersage
unter: http://www.sel.noaa.gov/pmap/index.html abrufen.
Reise nach Nordnorwegen
Nachdem mir schon in Träumen Polarlichter erschienen waren, die Erwartung darauf sich also immer schöner und aufregender gestaltete, beschloss ich mit einem Freund endlich eine Reise nach Nordskandinavien zu unternehmen. Denn dort, darüber waren sich alle Berichte einig, sei jenes Himmelsschauspiel fast in jeder klaren Nacht zu beobachten.
Wir rüsteten uns nach dem Vorbild der Polarlicht- und Arktisexpeditionen, die Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführt wurden aus. Unter anderem packten wir warme Kleidung, eine Fotoausrüstung und sogar Essensvorräte ein. Denn wegen der guten norwegischen Sprachkenntnisse meines Freundes, der einen Brief an einen Polarlichtforscher schrieb, hatte uns eine Einladung vom norwegischen Nordlichtobservatorium aus Tromsø erreicht. Dort in einer einsamen Feldstation des Observatoriums wurde uns gesagt, könnten wir den ganzen Oktober bleiben und müßten uns nur selbst versorgen. Trotz der Nähe zu dieser Forschungsstation wollten wir jedoch weniger den wissenschaftlichen Methoden folgen, als vielmehr das „Innere“ hinter den Naturerscheinungen erfassen sowie deren Poesie aufspüren.
Ende September traten wir die Reise an. Und in welch wunderbarem unverwechselbaren Ausdruck erschien uns Nordskandinavien! Jedes Land hat sein eigenes „Licht“. Denken wir nur an das erschütternde Himmelsblau Italiens, wenn es sich über dem edlen Marmor des Campo Santo in Pisa zeigt. So erfüllt auch Lappland eine ganz eigenartige nur dort erlebbare Atmosphäre. Es ist mehr als jene Mischung aus Reinheit des Nordens, Natureinsamkeit und Weite der Landschaft. Manche bezeichnen es als das „nordische Licht“. Ich denke, es handelt sich um eine Art innere Schwingung, die den Geist des Menschen stark berührt. Auch in der Musik ist davon ganz deutlich etwas ausgedrückt. Erwähnt sei hierzu die 4. Symphonie des finnischen Komponisten Jean Sibelius, die an nichts Reales oder Sichtbares erinnert, aber Empfindungen, die einem im Norden überkommen können, höchst eindrucksvoll erlebbar macht und in Musik gießt. Ich bin mir ganz sicher, daß diese Musik viel stärker und wirklicher ist als alles Materielle, das vielen als die einzige Wirklichkeit erscheint und doch so wenig glücklich macht.

Abbildung: Blick aus dem Flugzeug auf Nordnorwegen von
Das letzte Teilstück des Fluges versetzte mich in eine Zustand aufgeregter Freude: kurz vor Tromsø verwandelte sich die Landschaft in etwas, was ich bisher nur in Märchen erlebt hatte. Vom ersten Schnee überzuckerte Berge erhoben sich aus dem Meer wie wuchtige Trolle oder Riesen. Da tauchte unter uns die Stadt Tromsø aus der weiten Einsamkeit unbewohnter Gebirge auf.
Freundliche Menschen halfen mir sogleich am Flughafen, mich zurechtzufinden, was dann zur Stadtrundfahrt wurde. Sie berichteten, daß hier das Polarlicht in fast jeder klaren Nacht und sogar in der hell erleuchteten Stadt vom Auto aus zu sehen sei. Und es wäre manchmal so schön, daß auch die Einheimischen immer wieder voller Bewunderung nach ihm Ausschau halten würden.

Abbildung: Farbenreicher Herbst in Nordnorwegen von
Man kann sich denken, wie unser lebhafter Wunsch an dem Zauber dieser Erscheinungen Anteil nehmen zu dürfen jetzt wuchs. Anderntags erreichten wir die etwa 100 km landeinwärts gelegene Feldstation, die eingebettet in einer extrem farbenreichen herbstlichen Umgebung lag. Graue Wolken lasteten auf der ruhigen Gebirgslandschaft. Der Herbst erreichte hier gerade einen unbeschreiblichen Farbenhöhepunkt: feuerrotes Laub der Blau- und Preiselbeeren am Boden kontrastierte mit dem leuchtendem Gelb der Birkenblätter, das auch bei trübem Wetter den Eindruck von Sonnenschein erweckte. Alle Farben wirkten bei der klaren Luft und den düsteren Wolken sogar besonders intensiv, so als ob die Natur vor dem langen Winter noch einmal alles geben wollte! Hin und wieder blinkten Gletscher von höheren Bergmassiven durch die Wolkenschleier. Schon von der Ferne sichtbar nahten immer wieder Regenschauer.

Abbildung: Die Außenstation bot jedoch einen komfortablen Unterschlupf… von S. Deiries
Die Außenstation bot jedoch einen komfortablen Unterschlupf. Schmackhafte Pilze und schier unerschöpfliche Waldbeerenansammlungen aus der Umgebung der Sternwarte ergänzten den Speiseplan der mitgebrachten Trockennahrung.
Aus dem Dach ragten einige Plexiglaskuppeln, die wie das Cockpit eines UFO anmuteten, jedoch die Instrumente und auch die Beobachter vor extrem kalten Winternächten, sowie vor plötzlichen Regenschauern schützen sollten.

Abbildung: Aurorabeobachter unter „Käseglocke“ von
Graupel- und Regenschauer verstärkten in den nächsten Tagen des Nordlands melancholische Eindrücke. Wir wachten des Nachts abwechselnd, um keine Wolkenlücken zu verpassen. Immerhin schenkte uns der regenreiche lappländische Herbst ungefähr jede dritte Nacht einige Stunden klaren Himmel.
Erste
Beobachtung eines Polarlichtes

Abbildung: Autor bei
Polarlichtbeobachtung von
Die erste klare Nacht war
angebrochen. Erwartungsfroh blickten wir auf den Nordwesthorizont. Die hier
höchstens drei Meter hohen Bäume rauschten im auffrischenden Wind. Da rief ich:
„Schade, aus Nordwesten kommen neue Wolken.“ Doch dann wurde der Schleier
heller und färbte sich weißlich-grünlich. Es bildete sich ein langes grünliches
Band und spannte sich über ein Drittel des Himmels. Zunächst war kaum eine
Veränderung sichtbar, doch allmählich geriet das Band in Wallung. An einem Ende
schwoll die Helligkeit an und es begann sich zu schlängeln. Dann bildeten sich
senkrechte strichförmige Aufhellungen wie Lichtspeere.
Abbildung: Grünes Nordlichtband von
Wie jubelten über das Lichtgeschenk
des Himmels. Jetzt verwandelte sich das Band in einen wehenden Lichtvorhang,
der vom Horizont immer höher stieg. Weitere leuchtende Vorhänge erschienen,
während andere verschwanden. Der Himmel schien in Aufruhr, denn Lichter,
Streifen und Vorhänge kamen und gingen. Bei immer größerer Helligkeit sahen wir
außer dem zarten Grün auch orange und bläuliche Farbtöne. Doch nach einer
Stunde, als sich eine ganz helle Erscheinung direkt über uns schob, ereignete
sich der schönste Moment der Nacht: Ein riesenhafter mehrfarbiger Stern stand direkt
über uns und sandte mächtige Strahlen in alle Richtungen aus. In seinem Inneren
wogte und pulsierte es spiralförmig. Man nennt diesen Höhepunkt auch Korona.
Unsere Rufe des Entzückens wichen nun einer fast sprachlosen Begeisterung.
Abbildung: Korona von Immo Holvan,
Regensburg
Auch begriffen wir jetzt die
Empfindungen und Erklärungsversuche der Völker des Nordens. Einige
Indianerstämme Nordamerikas sahen in den Polarlichtern Überbleibsel des
Schöpfungsaktes und ein Zeichen des Weltgeistes. Viele Eskimos glauben, daß
dieses Licht den Weg der Seelen der Verstorbenen in das Totenreich beleuchten
würde.
Das Polarlicht gleicht sich nie,
verläuft aber für einen Ort in der Arktis in vielen Nächten ähnlich. Nachdem
kurz vor Mitternacht mit der Korona der Höhepunkt erreicht wurde, schwächten
sich die Bänder und Leuchtschlangen am Himmel immer mehr ab. Schließlich war
fast der ganze Himmel diffus mit einem nahezu unbewegten schwachleuchtenden Lichtgewebe
überzogen.

Abbildung: Diffuses Polarlicht über
ganzen Himmel verteilt von S. Deiries (2 Varianten)
In vielen Nächten klingt es derart
aus oder es beginnt wieder mit ähnlichen Lichtausbrüchen wie vorher. Wir hatten
diesmal das Glück, daß etwas ganz Neues geschah: Einzelne Lichtwolken begannen
zu pulsieren wie ein Blinklicht. Manchmal blinkte sogar ein großer Teil des
Himmels im 2-Sekundentakt hell dunkel.
Mein Freund ging ins Observatorium
hinein. Hier gab es ein empfindliches Magnetometer. Das ist vereinfacht
ausgedrückt eine großer Kompass, bei dem die Nadel frei aufgehängt ist, sich
also auch in der Senkrechten neigen kann. Jedes Mal wenn ein helles Polarlicht
am Himmel über uns aufleuchtete, konnte man einen kleinen Ausschlag der Nadel
beobachten.
In den nächsten Nächten versuchten
wir das Polarlicht zu fotografieren. Mit hochempfindlichem Film und offener
Blende muß man wenigstens einige Sekunden belichten, um etwas vom Nordlicht auf
den Film zu bannen. Leider wirken Polarlichtaufnahmen meist etwas verschwommen,
da sich hellere Polarlichter ziemlich schnell bewegen. Um die Bewegungen darzustellen,
benötigt man eine hochempfindliche oder noch besser eine restlichtverstärkte
Videokamera. Doch wie immer sind alle Reproduktionen nur ein Abklatsch der
Natur und können eine eigene Beobachtung nicht ersetzen. Einen lebhafteren
Eindruck vermitteln da eher noch Zeichnungen wie zum Beispiel die schönen
Farblithographien des dänischen Malers Harald Moltke.

Abbildung: Lithographie (um 1900) des
dänischen Malers Harald Moltke: Einsames Kirchlein vor farbigem
Nordlichtvorhang aus [3]
Erklärung des Polarlichts
Wechselwirkung
des Sonnenwindes mit der Erdmagnetosphäre
Schon vor langer Zeit stellte man
fest, daß das Polarlicht irgendwie mit der Sonne zusammenhängen müsse. Eine
Spiegelung des Sonnenlichtes in den höheren Luftschichten kann es nicht sein.
Und warum beobachten wir besonders alle 11 Jahre besonders heftige Nordlichter,
immer wenn auch die Zahl der Sonnenausbrüche einen Höhepunkt erreicht?
Die Wissenschaft hat das Polarlicht
bis heute noch nicht restlos verstanden, kann aber in groben Zügen seine Entstehung
erklären. Die Erde ist ein Ort auf dem sich mannigfache, ganz
verschiendenartige Einflüsse vereinigen und sich immer wieder wunderbar erscheinende Bedingungen ergeben. Wie die Erde auf
geistigem Gebiet ein Wendepunkt für die Entwickelung des menschlichen Geistes
darstellt, alle Entwicklungsfäden hier aus verschiedenen Ebenen
zusammentreffen, um in zahlreichen Verbindungen glutvoll unser Dasein zu
fördern, so ist die Erde auch im physikalischen Sinne ein ganz besonderer Ort
im Weltall und das in vieler Hinsicht.
Obwohl wir mit Hilfe der Astronomie
ungefähr Milliarden mal Milliarden Sterne im Weltall vorfinden, ist es bisher
nicht gelungen einen für das menschliche Leben so wunderbar geeigneten Ort wie
Erde ein zweites Mal zu entdecken. Denn ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß
trotz der unglaublichen beinahe erschreckenden Vielzahl der Gestirne, noch
viele weitere solche Erden im Weltall existieren. Denn die Erde bietet ganz
besondere Bedingungen. Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, alle die
Besonderheiten aufzuzählen, die die Erde vor anderen Planeten auszeichnet. Die
Erde ist geradezu auf wunderbare Weise „eingerichtet“.
Eine Besonderheit möchte ich jedoch erwähnen:
Die Erde besitzt ein sehr starkes Magnetfeld. Dieses dient uns als mächtiger Schutz
vor harten kosmischen Strahlen und ist somit unabdingbar für das Überleben auf
dem Planeten. Offenbar ist unser relativ großer Mond dafür verantwortlich. Denn
setzen wir die Größe des Mondes mit der der Erde ins Verhältnis, dann besitzen
wir einen riesenhaften Mond verglichen mit den anderen uns bekannten Planeten.
Ein so großer Mond wirkt sich aber entsprechend auf die Erde aus. Was den
Magnetismus betrifft, rührt der Mond mit Hilfe seiner Schwerkraft das
glutflüssige Innere der Erde um, das hauptsächlich aus Eisen und Nickel besteht.
Dies kommt der Wirkung eines riesigen Dynamos gleich, der unser starkes
Magnetfeld aufbaut und uns damit schützt.
Doch dieses Magnetfeld bewirkt noch andere
wunderbare Dinge, wie eben das Polarlicht. Ganz vereinfacht gesagt, tritt das
Erdmagnetfeld mit dem Magnetfeld der Sonne in Verbindung. Diese Verbindung
bewirkt, daß in Erdnähe ähnliche Vorgänge ablaufen, wie in der Sonnennähe. In
der Sonnenatmosphäre beobachten wir bei einer totalen Sonnenfinsternis den
leuchtenden Schein der Korona, die den Polarlichtern verblüffend ähnlich sieht
und auch aufgrund ähnlicher Prozesse entsteht.
Von der Sonne erreicht uns nicht nur
Lichtstrahlung sondern auch stark verdünntes heißes Gas. Es tritt mit hoher
Geschwindigkeit aus der Sonne aus und besteht hauptsächlich aus negativ
geladenen Elektronen und positiv
geladenen Protonen. Man nennt dieses Gas auch Sonnenwind. Seine Teilchen
benötigen für den Flug von der Sonne zur Erde etwa 2 Tage. Sie umfliegen die
Magnetosphäre der Erde, da sie von der magnetischen Kraft abgelenkt werden. Der
magnetische Einflußbereich der Erde wird dadurch kometenschweifartig verformt.

Abbildung: Erdmagnetosphäre im
Sonnenwind aus „Spektrum der Wissenschaft“ [2]
An der Grenzschicht zwischen
Erdmagnetbereich und Sonnenwind wird nun die Bewegungsenergie der
vorbeistreichenden Teilchen in elektrische Energie umgewandelt wie bei einem
Generator für Elektrizität. Es befindet sich demnach in der Umgebung der Erde
ein riesiger Stromgenerator. Die elektrische Spannung entsteht dadurch, daß die
geladenen Teilchen des Sonnenwindes durch den Erdmagnetismus getrennt werden. Aufgrund
ihrer Bewegung im magnetischen Kraftfeld werden die positiven Protonen auf die
eine Seite und die negativen Elektronen auf die andere Seite gedrückt. Dadurch
bauen sich gewaltige elektrische Spannungen über der Erde auf. Die Leistung
dieses himmlischen Kraftwerkes übertrifft die Leistung aller irdischer
Elektrizitätswerke um ein Vielfaches, bei geeigneten Bedingungen auf der Sonne
sogar um das über tausendfache.
Wie jede Spannung versucht auch diese
sich zu entladen, also wieder auszugleichen. Das geschieht nun zum Teil dadurch,
daß gewaltige Mengen von Elektronen entlang der Magnetfeldlinien hinunter zur
Erde spiralen und zwar dorthin, wo die Magnetlinien in die Erde ein- und
austreten, nämlich in der Nähe des Nord- und Südpols. Elektrischer Strom wird
also vom Trichter des Erdmagnetfeldes eingesogen.

Abbildung: Gigantischer
Stromgenerator über der Erde aus „Spektrum der Wissenschaft“ [2]
Alle diese gewaltigen Vorgänge würden
noch nicht ausreichen, um Polarlichter hervorzurufen, wenn nicht ein anderes
Geschehen „helfen“ würde, das von der Wissenschaft bisher noch wenig verstanden
worden ist: Die herunterspiralenden negativen Elektronen, was ja nichts anderes
ist, als ein riesiger elektrischer Strom gerichtet auf die Pole der Erde,
müssten nach allen Berechnungen in etwa 1000 km Höhe über dem Erdboden wieder
zurückprallen. Die Elektronen schießen jedoch bis auf etwa 100 km Höhe zur Erde
herunter, stoßen mit den Atomen und Molekülen der dort sehr dünnen Luftschicht
zusammen und bewirken dadurch das wunderbare Leuchten des Polarlichtes. Das ist
der gleiche Vorgang, der sich in einer Leuchtstofflampe ereignet. Das Leuchten
entsteht nicht direkt durch den Zusammenstoß, sondern erst später. Bei den
Zusammenstössen werden Elektronen aus der Hülle der Luftmoleküle herausgerissen.
Wenn aber ein solcherart enthülltes Luftmolekül wieder ein Elektron durch seine
Anziehungskraft einfangen kann, dann sendet es Licht aus. Das klingt
rätselhaft, ist aber ein ganz normaler und logischer Vorgang der Erhaltung von
Energie.
Ich sagte eben, daß wir kein
Polarlicht sehen könnten, wenn die Elektronen in 1000 km über dem Erdboden
zurückprallen würden. Denn in 1000 km Höhe ist die Atmosphäre zu dünn, um zu
leuchten. Doch wunderbarerweise scheint sich der herabstürzende Strom selbst zu
verstärken, dringt tiefer in der Luftschichten ein und bewirkt jene
eindrucksvollen wehenden Lichtvorhängen, die wir bei den Polarlichtern beobachten.
Außerdem läßt es sich vom Weltall aus
beobachten, daß das Polarlicht nicht einfach über den Erdpolen zu sehen ist,
sondern es bildet zwei riesige leuchtende Ringe über der Erde, die man auch
Polarlichtovale nennt, quasi zwei gigantische Heiligenscheine, die jeweils
ungefähr über den Polen der Erde stehen. Das nördliche Polarlichtoval, das uns
am meisten interessiert befindet sich in den meisten Nächten über
Nordskandinavien, Island, Nordkanada, Alaska und Nordsibirien.
Ähnliche elektrische Vorgänge wie
jene, die das Polarlicht auslösen, treten auch bei anderen Himmelobjekten,
unter anderem bei Supernovaüberesten, namentlich bei den dabei entstehenden
skurrilen Neutronensternen, aber auch in den immensen Materiefontänen von
Milchtraßen und in der Sonnenatmosphäre auf. Ohne daß wir es bemerken aber auch
bei vielen von uns zu Hause: Ein
Fernsehapparat nutzt ebenfalls das Beschleunigen von Elektronen in seinem
künstlichen Magnetfeld aus, um auf dem Bildschirm Leuchteffekte auszulösen, die
vielen Menschen in Form von Fernsehfilmen so wichtig sind!
Sicherlich könnte man durch das
Studium der Polarlichter auch feinerstoffliche Effekte wie zum Beispiel die
Entstehung einer Aura besser verstehen.
Doch wir wollen uns jetzt noch den
poetischen und inneren Aspekten der Polarlichter zuwenden, die den menschlichen
Geist so wunderbar durchglühen können:
Empfindungen bei der Betrachtung des
Nordlichts
Die einzigartige Welt des Nordens
erweist sich als eine reine abgeschiedene Welt auf unserem Planeten. Sie bietet
nur kurze Sommer, in denen die Natur aber geradezu wunderbares an Wachstum und
Aufblühen vollbringt. In dieser Zeit lassen sich keine Polarlichter beobachten,
da es dann fast keine Nacht gibt. Schon im September bildet der Herbst mit
einem intensivem Farbenfeuerwerk den Übergang zum bis zu 8 Monate langen Winter,
der alles in seinem eisigen Schlaf erstarren lässt. Wie als ein himmlischer
Ausgleich flammen dann in den langen Nächten die manchmal vielfarbigen
Nordlichter auf.

Abbildung: Farbiges Herbstbild aus
Lappland von

Abbildung: Farbiges Herbstbild aus
Lappland mit Nordlichtobservatorium von S. Deiries
Sie haben uns gezeigt, daß die Erde
nicht isoliert vom Weltall und den Sternen ihren Lauf nimmt. Vielmehr sind wir
auf der Erde eingebettet in ein vielfältiges Geschehen des Kosmos, mit
zahllosen Strömungen verbunden, und manchen Wechselwirkungen der Sterne
ausgesetzt, obgleich es uns selten bewusst wird.
Der bedeutende norwegische Erforscher
der Arktis und Humanist Fridjof Nansen (1861-1930) wagte sich in den Jahren
1893 – 96 mit einem hölzernen Spezialschiff weit nach Norden in das Eismeer
vor, ließ sich vom winterlichen Packeis einschließen und hoffte durch die
Eisdrift bis zum Nordpol getrieben zu werden. Als er während dieser dreijährigen
Expedition bemerkte, daß er den Pol nicht ganz erreichen würde, brach er von
seinem Schiff zu Fuß mit einem Freund in Richtung Nordpol auf. Schließlich
erreichte er mühevoll den 86. Breitengrad, soweit nach Norden, wie bis dahin
noch kein Mensch gekommen war, hatte aber die Einsicht noch umzukehren, um
nicht sein Leben zu verlieren, ohne allerdings die Chance, sein Schiff
wiederzufinden, und gelangte mit einem Kanu zurück durch das Eismeer bis in die
Nähe von Spitzbergen, wo er auf einer Insel überwinterte und im folgenden Jahr
auf Polarforscher traf, die ihn zurück nach Norwegen brachten. Wir können uns
heute kaum noch vorstellen, mit welcher Kraft er solche Gefahren und Strapazen
überstand. Nansen ging es jedoch nicht darum, um jeden Preis den Nordpol zu
erreichen, sondern vor allem wollte er die wundersame und unberührte Welt des
Eises tief empfinden und daraus Kraft für sein weiteres Leben zu schöpfen, in
dem er noch sehr vielen Menschen humanitär helfen konnte. Sein Buch „In Nacht und Eis“ schildert diese
Fahrt nicht mit der Sprache des Wissenschaftlers, sondern voller Poesie und
Empfindung. Er ist überaus beeindruckt von der Sprache der Natur, die dort
machtvoll spricht aus den Flammen des Nordlichts, aber auch in der absoluten
Ruhe der majestätischen Landschaft aus Eisbrüchen, Wasser und langen
Dämmerungen.
Dieses starke Naturerlebnis gab ihm
die Gewissheit, daß man nicht gegen die Natur ankämpfen dürfe, sondern sich in
das Gewebe der Natur einfügen müsse, um sich durch deren Gesetzmäßigkeiten und
Eigenheiten fördern zu lassen.
So wird man durch die rein
verstandliche Sichtweise die Natur nie als Ganzes begreifen. Denn was nützt es
uns, wenn wir den Mechanismus der Entstehung eines Polarlichtes verstehen, ohne
Anteil an seiner immensen Schönheit zu nehmen und ohne es als Gleichnis für
andere Vorgänge in der sichtbaren Welt und in dem uns noch Unsichtbaren zu begreifen. Der notwendige Ausgleich zum intellektuellen
Denken ist ein Denken gestützt auf Empfindung und Intuition.
Dieses Ringen um Geistiges wird
deutlich in Nansens Schilderungen seiner Eismeerfahrt:

Abbildung: Kolorierter Holzschnitt
von Fridjof Nansen aus „In Nacht und Eis“ [1]
„Ich tröste mich mit einem Buch,
vertiefe mich in die Wissenschaft der Inder, ihren glücklichen Glauben an
transzendentale Kräfte, in die unerkannten Fähigkeiten der Seele und das Leben
nach dem Tod…
Es war nicht die hellste Stimmung,
mit der ich heute abend auf das Deck kam; doch wie festgenagelt wurde ich im
selben Augenblick als ich ins Freie trat.
Dort ist das Übernatürliche für dich!
Das Nordlicht in einzigartiger Kraft
und Schönheit, über den Himmel funkelnd in allen Farben des Regenbogens. Selten
oder niemals habe ich stärkere Farben darinnen gesehen. Zuerst war gelb
vorherrschend; doch dann spielte es über ins Grün und gegen Ende begann ein
glänzendes Rubinrot an den Strahlenenden auf der Unterseite der Bögen
durchzudringen, um bald über den ganzen Bogen hin zu spielen. Dort von der
Ferne, nahe dem Horizont im Westen, erhob sich in gebuchteten Bewegungen eine
Feuerschlange in den Himmel, stärker und stärker leuchtend je weiter sie nach
oben stieg. Sie teilte sich dreifach.
Zuerst schillerten alle drei in
vielfachem Farbenspiel. Doch dann teilten sich auch die Farben; die südlichste
Schlange färbte sich fast rubinrot mit gelben Einspenkelungen, die mittlere
wurde völlig gelb, die nördliche mehr grün-weißlich; alle zogen oben am Zenit
vorbei. Den Schlangen entlang fuhren Strahlen in Bündeln wie Wellen vor einem
Sturmwind draußen im Äther, trieben schwingend vor und zurück, bald stärker,
bald schwächer. Obwohl ich nur wenig bekleidet war, konnte ich mich unmöglich
losreißen, bevor das Ganze vorüber war. Nur eine schwachglühende Feuerschlange
nahe dem Westhorizont wies darauf hin, wo das Ganze begonnen hatte.“
Das Polarlicht wirkt auf den
Betrachter wie eine unhörbare Lichtmusik aber auch wie das Wehen von
Engelsschleiern. Vielleicht wurde der finnische Komponist Einojuhani
Rautavaara (geboren 1928)
bei der Komposition seiner 7. Symphonie, die er in den Jahren 1994 und 1995
komponierte von diesem Geschehen inspiriert.
Sie trägt den Beinamen „Engel des Lichts“. Ihren dritten ruhigen Satz
könnte man in seinem edlen Schwingen mit der Wirkung eines Polarlichtes vergleichen.
Wir empfangen aus diesem Werk der heutigen Kunst ganz reine ungetrübte
Empfindungen. –
Nicht die Wissenschaft, wie es sein
sollte, sondern die Kunst führt uns hiermit direkt zum geistigen Erkennen.
Abbildung: Rotes Polarlicht über Berg
von Immo Holvan, Regensburg

Abbildung: Polarlicht in Form von
Tulpe über Nordlichtobservatorium von I. Holvan, Regensburg

Abbildung: Mehrfarbige Polarlichter
von Immo Holvan, Regensburg
Sebastian Deiries
Literaturverzeichnis/Musikverzeichnis:
1. Nansen Fridtjof, In Nacht und Eis
(leider gekürzt), Ed. Erdmann, Stuttgart, 2000
2. Akasofu Syun-Ichi, Polarlichter in:
Spektrum der Wissenschaft, Juli 1989 S. 44f.
3. Falck-Ytter Harald, Das Polarlicht:
Nordlicht und Südlicht in myth., naturwiss. und apokalypt. Sicht, Freies
Geistesleben, Stuttgart, 1999
4. Sibelius 4. Symphonie a-moll op.63
(Simon Rattle) EMI CDM 7 64121 2
5. Rautavaara 7. Symphonie „Angel of
Light“ (Leif Segerstam) ODINE ODE 869-2