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Stille umgibt uns. Eine Stille, die für Mitteleuropäer fast unbekannt ist, die aber ein inneres Klingen in uns weckt. Ist es vielleicht Harmonie?
Oder spüren wir atmosphärisch einen Nachklang der Inkas, deren Nachkommen noch vor einigen Jahrhunderten genau an diesem Ort eine rätselhafte Kultstätte unterhielten?
Mühsam schreiten wir auf steinigem Weg den Berg hinan, dessen Gipfel sich etwa 2400 Meter über das Meer erhebt. Der erste schwache Dämmerschein ergießt sich blutrot aus Osten. Da fährt uns ein Schreck durch die Glieder:
Die alte Kultstätte existiert noch !
Auf dem Bergrücken befindet sich eine "Tempelanlage" mit magischen kuppelförmigen Gebäuden. Ein feines kaum hörbares Summen ist von dort vernehmbar. In der Ferne schreiten ernste Gestalten gemessenen Gangs einen Weg entlang über das Gipfelplateau ... von La Silla.
Doch wie hatte alles angefangen ?
Die Flugreise führte bei Nacht über den Atlantischen Ozean in Richtung Brasilien, um via Buenos Aires schließlich nach Santiago de Chile zu gelangen, als ich gegen 2 Uhr morgens die Stewardess fragte, ob man die Piloten im Cockpit besuchen könnte. Nach einer Weile gab sie die Erlaubnis, aber ich sollte mich sehr vorsichtig und leise durch den verdunkelten 1. Klasse-Bereich des Jumbo Jets schleichen, um keinen VIP zu wecken. Von dort gelangte ich in die Flugzeugkanzel und hatte ein anregendes Gespräch mit den Piloten, fasziniert durch den exzellenten Blick auf den Sternenhimmel, der hier viel besser als von den Passagiersitzen war. Da stieg allmählich das Kreuz des Südens am Horizont empor, weil wir ihm jetzt entgegenflogen.
Am nächsten Tag ging die Reise mit einem kleinen Motorflugzeug von Santiago de Chile 500 km nach Norden. Auf der rechten Seite zog die prächtige Andenkette mit ihren wuchtigen Gipfeln vorrüber, die manchmal mehr als 6000 m hoch aufragen und auf der linken Seite lag der pazifische Ozean, meist jedoch von tiefen Wolken bedeckt. Nach einer Stunde landeten wir auf einem kleinen Privatflugplatz in der Wüste.
Vom Privatflughafen El Pelícano brachte uns ein Jeep zum etwa 1400 m höher gelegenen La Silla. Schon eine halbe Stunde vor der Ankunft sahen wir einen Bergrücken, auf dem offenbar Champignons gezüchtet wurden. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich die 15 vermeintlichen Pilze als Teleskopkuppeln, welche Fernrohre von 0,5 m bis 3,6 m Durchmesser beherbergen. Außerdem fiel ein Riesenohr an der Peripherie auf: Das Submillimeterteleskop SEST, das die Beobachtungen im optischen und infraroten Wellenlängenbreich ergänzt. Strahlungen aus dem Submillimeterbereich kennen wir von den Mikrowellenherden. Wenig später war die Straße plötzlich von Eseln blockiert, die sich auf die Gärten des Observatoriums zu bewegten, um in ihrer Not alles was nach Pflanzen aussieht zu fressen. Die Landschaft wirkte hier extrem trocken, und man sah kein grünes Gras, sondern nur staubige und steinige Flächen in denen jedoch ab und zu Kakteen, trockene Büsche und auch kleine Blumen wuchsen. Der Jeep hielt neben dem Gästehaus, in dem sich auch eine Kantine befand, die keine Essenswünsche offen ließ und in der man beim Speisen durchs Fenster auf die weite rötliche Berglandschaft schaut. Hier treffen sich Astronomen aus allen Nationen in Chiles bestem Restaurant nicht nur zum Essen, sondern auch zu fachlichen Gesprächen. Am Hintereingang zur Küche schlichen zwei Wüstenfüchse auf und ab, um sich einige Essensreste zu erbetteln.
Dann richtete sich der Blick wieder auf die vielen Teleskopkuppeln, die dem fast 2 km langen Bergrücken den Charakter einer Kultstätte verleihen. Nur das inzwischen 10 Jahre alte NTT (New Technology Telescope mit 3.5 m Spiegeldurchmesser) fällt da mit seinem eher Fabrikhallen-artigen Bau aus dem Rahmen der ansonsten fast religiös wirkenden Kuppeln. Mindestens 320 klare Nächte pro Jahr lassen hier bei den Astronomen kaum Wünsche offen. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt vermißt man im Gegenteil hin und wieder einmal Wolken am Himmel. Immerhin gibt es in La Silla im August manchmal Regen und ganz selten sogar Schnee. Wenn der Regen alle 7 Jahre etwas ergiebiger ausfällt dann bedeckt sich die Wüste wenige Wochen später mit einem Blütenmeer.
Es besteht bei den Astronomen der Wunsch nach immer größeren Beobachtungsinstrumenten, denn es hat sich gezeigt: Je mehr man die Teleskope vergrößert und verschärft, desto mehr kann man im Weltall finden. Offenbar wird das Enddecken von Neuem nie ein Ende haben und es werden sich immer neue Wunder der Sternenwelt erschließen.
Die exzellenten Witterungsbedingungen, aber auch die bequeme Unterbringung und die leckere Kost, all das sind in La Silla günstige Voraussetzungen, um die Vorfreude auf die meist klaren Nächte dramatisch zu steigern.
Jetzt beim Anblick der im letzten Dämmerlicht leuchtenden Teleskopkuppeln kann man sich nicht mehr des Eindrucks erwehren, sich in einem "Astrokloster" zu befinden.
Bei Anbruch der Dämmerung öffnen sich bereits die ersten Fernrohrhäuser und offenbaren ihre teleskopischen Riesenaugen.
Heute hatte ich eine neue CCD Kamera an einem Teleskop installiert. Nachts wollte ich nun den Südhimmel "erforschen", aber ganz und gar unwissenschaftlich nämlich durch reines Betrachten. Der Direktor von La Silla hatte mir völlig unerwartet sogar erlaubt, den GPO Doppel-Refraktor mit 40 cm und 28 cm Durchmesser zu benutzen, da dieses Fernrohr gerade frei war, denn die Astronomen bevorzugten die größeren Instrumente. Überglücklich über diese Gelegenheit ließ ich noch schnell einen Okularadapter in der Werkstatt anfertigen, um einige Weitwinkelokulare benutzen zu können, die ich beim hiesigen Optiker fand, der selber nichts von seinen Schätzen wußte. Schließlich hatten mir die Astronomen auch versichert, daß es sich heutzutage nicht mehr lohne, mit den Augen durch ein Teleskop zu schauen. "Weit gefehlt", dachte ich und begann nach beinahe feierlicher Inbetriebnahme des ehrwürdigen GPO Refraktors (der heute leider schon verschrottet ist!) die schönsten Objekte des Südhimmels aufzusuchen. Beim Anblick des netzhauterschütternden Kugelsternhaufens 47 Tucanae schließlich verlor ich die Fassung und stieß einen fulminanten Volkssternwarten-Lustschrei aus, so daß ein Astronom von nebenan herbeieilte, um zu sehen, was passiert war. Dieser musste dann auch zugeben, daß er etwas so prachtvolles am Himmel noch nie gesehen hatte. Dabei fielen mir die Worte des sowjetischen Astronomen S.A. Kaplan ein, der in seinem Buch folgendes schreibt:
| "In diesem [Buch] werden
Sie keine Beschreibung der Schönheit des Sternhimmels finden... Der Sternhimmel ist wirklich sehr schön, aber für uns sind die Sterne Gegenstand physikalischer Forschung. So wie die Physiker in den Laboratorien verschiedene Stoffe, elektrische Ströme, magnetische Felder und andere physikalische Erscheinungen untersuchen, werden wir hier, allerdings nur mit Hilfe von Stift und Papier, Sterne untersuchen... Das Verständnis der Sternentwicklung besitzt eine große Bedeutung für die materialistische Weltanschauung". |
Da sich La Silla auf der Südhalbkugel der Erde befindet, erstrahlen hier Sterne, die bei uns in Europa niemals aufgehen; unter anderem auch das geheimnisvolle Kreuz des Südens, sowie die hochinteressanten Begleiter unserer Galaxie: die Magellanischen Wolken. In diesen Milchstraßenwolken konnte von La Silla aus das Sternendrama der Supernova 1987A in allen Details verfolgt werden.
Die Astronomen interessiert immer mehr die Farbverteilung, also die Spektroskopie des Lichtes der Sterne und anderer Himmelsobjekte.
Dieses Spezialgebiet der astronomischen Wissenschaft gibt Aufschluß über die Bewegung, chemische Zusammensetzung und Entwicklung der Gestirne. Manche Astronomen, die sogenannten Kosmologen versuchen mit Hilfe all dieser Messungen die Entstehung der ganzen Welt nach der Urknall Theorie zu ergründen. Deswegen spricht man hier zu Tische nicht über die Ungezogenheiten des Nachbarn Müller, sondern zum Beispiel über die "P-Cyg Profile der H-beta Linie im Spektrum der Supernova 2000cg in der Galaxie UGC10121".
Ich fragte mich: Kann die Abgeschiedenheit und Reinheit der Atmosphäre in La Silla dazu beitragen, daß sich hier manche Astronomen und Besucher auch mit naturphilosophischen Gedanken beschäftigen?
Und haben die Aussagen der Astronomen überhaupt einen Einfluß auf unser Weltbild?
Schließlich können Entdeckungen auf dem Gebiete der Sternentstehung und Sternentwicklung in Verbindung mit Erforschungen des Beginns unserer Welt manchmal kleine Mosaiksteine darstellen bei der Lösung großer Menschheitsfragen.
Menschheitsfragen, die auch uns manchmal bewegen wie zum Beispiel: Wo kommen wir her? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vorgängen im Weltall und der Existenz des Menschen? Beeinflussen uns Vorgänge im Weltall? ...
Und schließlich: Befinden wir uns in einem zufälligen Chaos oder in einem geplanten Kosmos, also einer geordneten Welt? - Fragen über Fragen.
Die Astronomie ist schließlich ein Versuch, mehr über die Geheimnisse des riesigen und weitgehend unbekannten Raumes um uns herum zu verstehen.
Und irgendetwas in uns möchte noch mehr wissen: Wo ist unsere Position im Gewebe der Schöpfung und was ist unser Sinn in dieser Welt?
In diesem Zusammenhang führte ich ein anregendes Gespräch mit dem ESO Astronomen David Block, der ganz andere Ansichten als der vorher erwähnte sowjetische Astronom hatte.
"Prof. Block und ich glauben, daß es eine göttliche Vorsehung gibt, die dem rein materiellen Ablauf der biologischen Entwicklung übergeordnet ist."
Das Antropische Prinzip, mit dem sich jetzt zahlreiche Astronomen beschäftigen, besagt, daß die Tatsache, daß es "Beobachter" in der Welt gibt, bedeutungsvoll für die Entwicklung des Weltalls ist. Mit anderen Worten: Es müssen viele Bedingungen erfüllt sein, um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, daß Sterne und Galaxien entstehen können, und es müssen noch weit mehr Bedingungen erfüllt sein, um den Planeten Erde zu bilden, auf dem das Material existiert und die Umweltbedingungen herrschen, um dem intelligenten Leben eine Stätte zu bieten. Bedingungen hierfür sind sogar die genauen Werte einiger Naturkonstanten und die verläßlichen Eigenschaften der Naturgesetze, sowie die genaue Zusammensetzung und Anfangsgeschwindigkeit der Urknallmaterie, alles genau so, wie wir es jetzt beobachten. Winzigste Abweichungen davon hätten dazu geführt, daß nicht ein einziger Stern entstanden wäre und auch keine Welt von dieser Dauer und Größe, wie wir sie jetzt beobachten. Man müßte von einer gigantischen Unwahrscheinlichkeit (ungefähr 10-100 bis 10-200) ausgehen, wenn all dies durch reinen Zufall entstanden sein soll. Eine Unwahrscheinlichkeit von 10-100 bedeutet, daß die Welt 10100 mal zufällig entstehen müßte, damit sie einmal unter den jetzigen so günstigen Bedingungen, die Sternentstehungen erlauben entstehen könnte. 10100, das ist eine 1 mit 100 Nullen! Es scheint also, daß trotz kopernikanischer Wende, nach der man eingesehen hatte, daß die Erde ein winziges Staubkorn im Universum ist, diese Erde offenbar nicht völlig bedeutungslos ist.
Denn es zeigt sich, daß das Weltall so immens groß sein und werden mußte und auch so unvorstellbar alt wie es jetzt ist, um diese kleine Erde als Wohnstätte für intelligentes Leben hervorzubringen. Und vielleicht ist die Erde doch der einzige bewohnte Planet in diesem riesigen All. Vieles deutet darauf hin, daß es nicht sehr viele "Erden" geben kann, die solch wunderbare Voraussetzungen für das Leben bieten können. Wir müssen deshalb nicht eitel und stolz werden, sondern können aus diesem neuen Bewußtsein heraus vielleicht die Erde pfleglicher behandeln.
David Block versucht seine Auffassung in einer lesenswerten Broschüre mit interessanten Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Erkenntnissen aus der Biologie und Astronomie zu stützen. Unter anderem rechnet er nach, ob die häufige gemachte Annahme stimmen kann, nach der auf der Erde das Leben durch Zufall enstanden sein solle. Er kommt dabei zusammen mit führenden Biologen zu dem Schluß, daß die 4.5 Milliarden Jahre, die die Erde bereits existiert, bei weitem (die Zeit ist ungefähr um den Faktor 1030 zu kurz dafür) nicht ausreichen, damit sich auch nur ein einziges Gen eines Einzellers spontan durch Zufall bilden könnte.
David Blocks Bericht wurde von einem anderen ESO Astronomen, nämlich Gero Rupprecht aus dem Englischen übersetzt und ist in der astronomischen Zeitschrift Die Sterne in Heft 68, Jahrgang 1992 erschienen.
Um 1 Uhr morgens breche ich zu einer Nachwanderung auf, kurz nachdem der Mond mit einem blauen Lichtblitz über den Anden aufgegangen ist. Der Weg führt über eine aufgelassene Fahrstraße zum 7 km entfernten Cerro Vizcachas, auf dem ursprünglich einmal das VLT geplant war. Bei der nächsten Wegbiegung verliere ich den Sichtkontakt zu La Silla und auch das feine Summen der Teleskopsteuerungen bleibt zurück. Völlige Ruhe umgibt mich, nur die Gedanken machen noch Geräusche. Da schiebt sich ganz langsam das Kreuz des Südens über fernen Andengipfeln empor. Das Funkeln der Sterne und der Ernst der ruhigen und schlafenden Wüste darunter erinnert mich an die weihevolle Atmosphäre, die der langsame zweite Satz aus Bruckners 7. Symphonie im Hörer hervorruft. Beschreibt nicht jene Symphonie kosmische Zusammenhänge in musikalischer Form?
Ich gehe viele Kilometer fast wie schwerelos, als sich allmählich das erste Morgenlicht im Osten andeutet. Im tiefen Nachtblau schwimmend erscheinen die Anden fast transparent. Das Leuchten nimmt zu und im Westen zeichnet sich immer deutlicher der schwarzgraue Erdschatten ab.
Jetzt geht Merkur über dem weit entfernten Gipfel des Cerro Magdalena auf. Durch die ansteigende Lichtfülle des nahenden Morgens ergeben sich ständig neue Landschaftseindrücke. Einige Wüstenvögel beginnen mit ihrem monotonen aber sehr eindringlichen Gesang. Der Blick wird jedoch mehr und mehr an die Stelle gezogen, wo gleich die Sonne erscheinen muß. Strahlenbüschel stehen schon über der gezackten Kordillere. Da blitzt plötzlich der allererste Sonnenrand bläulich hervor und für eine halbe Sekunde flackert ein blaues Feuer, um dann weiß und stechend herauszubrechen.