Meteorregen in Taiwan

Der Wunsch eines jeden Meteorbeobachters ist es, einmal im Leben Zeuge eines wahrhaften Meteorregens zu werden. Erst wenn in einer Stunde einige tausend Sternschnuppen fallen, entsteht dieser unvergeßliche Eindruck, daß es vom Himmel Sterne regnet. Die Leoniden sind fast der einzige Meteorstrom, bei dem man ein solches Spektakel mit einiger Sicherheit vorhersagen kann. Für den Morgen des 19. November 2001 war ein derartiges Schauspiel in Ostasien und Australien angekündigt. Die Wetterunsicherheit im November auf der gesamten Nordhemisphäre unseres Planeten verbunden mit einer vielleicht vergeblichen Weltreise ließen mich lange zögern, an eine solche Astroexpedition überhaupt ernsthaft zu denken. Doch 4 Wochen vor dem magischen Datum überkam mich plötzlich die Gewißheit, daß ich nach Taiwan aufbrechen werde. Ohne eines der in Frage kommenden Länder zu kennen, erschien mir Taiwan am attraktivsten. Im Internet war die Wahrscheinlichkeit für klares Wetter am 19. November 2001 in Taiwan von einem Amateurastronomen mit 72-83 % angegeben. Dieser hatte Satellitenbilder der letzten Jahre von der in Frage kommenden Region ausgewertet. Allen Berichten zufolge schienen die Monate November und Dezember die wetterruhigsten auf der regenreichen und von zahlreichen Taifunen heimgesuchten Insel im chinesischen Meer zu sein.

Helmut Spaude sagte sofort zu, dieses aufregende Abenteuer mitzumachen. In der verbleibenden Zeit versuchte ich fast fieberhaft Informationen und Reisetips über jene fremde, aber ebenso anziehende chinesische "Welt" zu erlangen. Im Internet fand ich alsbald eine Gruppe finnischer Amateurastronomen und einen Australier, die alle wegen der Leoniden nach Taiwan fahren wollten. Auch Mario Costantino, der Weltreisende in Sachen Astronomie zeigte lebhaftes Interesse. Aufgrund der Tatsache, daß ich nur eine Woche Zeit auf Taiwan haben würde, mußte schon jetzt aufgrund von Landkarten und Berichten ein möglicher Beobachtungsplatz anvisiert werden. Zunächst fiel die Wahl auf den heiligen Berg Ali-Shan, allerdings mit der Aussicht zusammen mit Tausenden von Pilgern in einer wogenden Menschenmenge nach den Leoniden Ausschau halten zu müssen. Später erfuhren wir von einer Paßstrasse auf einen anderen überaus wohlklingenden Berg mit dem Namen He-Huan-Shan, zu deutsch "Harmonie-Freude-Berg". Bilder von dieser Gegend, die uns per e-mail von einem taiwanesischen Amateurastronomen zukamen, ließen uns bereits jetzt ob ihrer geradezu überirdischen Schönheit an den heimischen Bildschirmen aufjubeln.

Abflug nach Taiwan

Hans-Georg Schmidt verabschiedete uns extra am 15.11.2001 vom Abflugterminal des Münchner Flughafens. Der Flug führte nach London und von dort über das nächtliche Rußland. Am Morgen danach erblickte ich aus der Luft das höchst beeindruckende Land Tibet. Nach einer Zwischenlandung im vor Wolkenkratzer nur so strotzenden Hongkong ging es am Nachmittag endlich weiter über das Meer jenem fernen märchenhaften Taiwan entgegen, das von den Portugiesen Formosa, "die Schöne" genannt wurde. Dort lag es endlich! Von mehreren Wolkenschichten verhüllt und mit hohen Bergen. Bei näherem Hinsehen bemerkten wir an den Küsten nichtendenwollende Megastädte und 12 spurige Autobahnen. Vor dem eleganten fast menschenleeren Flughafen erwartete uns ein freundlicher Chinese mit dem versprochenen Leihwagen. Vom Flug total übermüdet setzte ich mich ans Steuer. Helmut mußte vom Beifahrersitz mit Hilfe von GPS und Kompaß, sowie einer ziemlich ungenauen Karte navigieren. Soeben brach die Nacht vollends ein. Es gab nur wenige englische Verkehrshinweise in lateinischer Schrift, die zudem weiter weg vom Flughafen immer seltener wurden. Hier half nur noch das Zählen der Autobahnausfahrten, das Abzählen der Zeichenzahl der chinesischen Schrift, um einen Ort zu identifizieren beim Vergleich mit meinem Reisebuch und der Blick auf den Kilometerzähler. Ein unglaublich dichter Verkehrsstrom wogte über das Autobahnnetz. Die Fahrer jagten sich gegenseitig. Wie durch ein Wunder erwischten wir die richtige Ausfahrt, verloren uns in einer riesigen Stadt voller farbig blinkender Lichter, dabei umbraust von den Bienenschwärmen der Mofas und Mopeds, so wie man sich in seinen kühnsten Vorstellungen den Zauber und das Flair der chinesischen Welt ausgemalt hatte, nur noch aufregender. Der hohe Adrenalinpegel half jetzt jede Müdigkeit abzuschütteln. Wir verfuhren uns, stoppten, und versuchten dann jemand mit der Landkarte in der Hand nach dem Ziel zu fragen. Doch nur ein hilfloses Lächeln war die Antwort, denn unsere Karte war in lateinischer Schrift. Man stelle sich vor, uns würde jemand eine chinesische Karte von Bayern vorhalten! Doch das Glück war uns hold. Plötzlich sah ich die arabische Ziffer der gesuchten Ausfallstrasse an einer Kreuzung. Eine Stunde später erreichten wir die Vorberge und einen kleinen Paß etwa 700 m über dem Meer. Wir fuhren einfach in ein Grundstück hinein, und legten uns unter einen Hochspannungsmasten auf die Wiese. Hier prangte ganz im Gegensatz zum Tiefland eine sternenklare Nacht. Tropische Nachtvögel und Insekten bezauberten mit eigenartigen Tönen. Da schrillte durch meine Fehlbedienung des Autos plötzlich die Alarmanlage und konnte nur mit Not gebändigt werden. Die Antwort war ein vielstimmiges Gekläff von wildernden Hunden, die uns für einige Zeit die Ruhe verdarben. Doch fielen wir schließlich in tiefen Schlaf, der aber schon um 6 Uhr früh von der ängstlich heranschleichenden dann aber grell bellenden Hundeschar beendet wurde. Etwas später erschien der Besitzer, offenbar ein Landwirt. Wir machten uns auf einen Wutausbruch gefaßt nach dem Motto: "Habt’s dafür a Genehmigung? Schleicht’s Eich!" Doch er lächelte freundlich. Als wir versuchten, unsere Pläne mit Gesten deutlich zu machen, da wurde er noch freundlicher, schenkte uns ein Brot und erklärte uns zu seinen Gästen.

Im taiwanesischen Hochgebirge

Doch wir mußten weiter. Durch malerische mit Palmen bewachsene Vorgebirge wand sich unsere Fahrt und mündetete in die gesuchte Hochgebirgspanoramastrasse. Hier konnte man verschiedene Vegetationsstufen bewundern. In etwa 1700 m Höhe gab es sogar Rindviecher und eine Alm in beinahe bayrischem Stile. 2400 m über dem Meer mutete die Landschaft fast wie das Sudelfeld an, doch bedeckte die Bergwiesen trockenes Bergbambusgras. Pinienartige Nadelbäume und Pastellfarben gaben der Landschaft auch eher ein exotisches Gepräge. Die höchsten Berggipfel waren leicht mit Schnee überzuckert, da offenbar erst vorgestern eine Kaltfront durchgerauscht war. Weil schon der Nachmittag angebrochen war, genossen wir die warme Novembersonne und beschlossen die Nacht vor dem Leonidenmaximum  hier auf dem vergilbten Gras zu verbringen. Ein Bilderbuchsonnenuntergang bei völlig wolkenlosem Himmel stimmte uns geradezu enthusiastisch für das morgige Maximum. Nach Mitternacht fielen etwa 10-20 Leoniden pro Stunde, doch wir schliefen bald ein. Erschreckend war allerdings das Verkehrsaufkommen und der bis weit nach Mitternacht andauernde Kolonnenverkehr auf unserer Bergstraße. Aufgrund von störenden nächtlichen Autoscheinwerfern an diesem Platz, beschlossen wir am nächsten Morgen weiterzufahren. Zuvor empfingen wir auf unserem Mobiltelephon eine SMS-Nachricht von Mario, doch dann brach die Verbindung endgültig ab, auch die finnischen Amateure erreichten wir nicht. Alle mußten schon ganz in der Nähe sein! Später hörte ich, daß Mario die Nacht direkt am Gipfel des Harmonie-Freude-Berges auf dem Blechdach der Wetterstation umgeben von einer jauchzenden Menge verbracht hatte. Gegen Mittag fuhren wir nach beschwerlichen Serpentinen auf einen Parkplatz in 3050 m Höhe, auf dem sich schon einige Amateurastronomen mit Zelten niedergelassen hatten und beschlossen, von hier aus einen Bergkamm zu besteigen. Dies war bereits ein Grat des nur noch etwa 1 km entfernten Harmonie-Freude-Berges. Oben auf 3213 m Höhe angekommen, fanden wir einen exzellenten Beobachtungsplatz vor. Wir standen hier exakt auf 24˚ 07’ 27.0" Nord und 121˚ 16’ 8.0" Ost und 9400 km entfernt von der heimatlichen Volksternwarte München. Es herrschte immer noch Kaiserwetter mit stahlblauem Himmel. Unsere Lustschreie schrillten über das taiwanesische Hochland. Die dünne Luft machte uns beim zweiten Aufstieg mit vollem Gepäck etwas zu schaffen. Der kühle Wind ging hier am Grat über, so daß auf unserem Platz eine beinahe windstille Zone entstand. Die störende Straße lag tief unter uns. Mithilfe des mitgebrachten Benzinkochers wurde nun ein Festessen bereitet. Nach bisher wolkenlosem Tag stiegen plötzlich Nebel bis über 3500 m Höhe auf und sorgten für prickelnde Spannung. Die jetzt schon tieferstehende Sonne projezierte unsere Schatten als Brockengespenster mit kräftigen Heiligenscheinen auf die quellenden Nebelmassen. Doch der tiefblaue Hochgebirgshimmel gewann wieder die Oberhand und kurz vor Sonnenuntergang sank der Wolkenspuk in tiefere Regionen hinab. Unter uns dehnte sich das schier endlose Nebelmeer aus. Am Horizont grüßte der magische Berg Ali-Shan aus einer traumhaften Bergkulisse in Caspar David Friedrich Manier.

Die Nacht der Nächte

Erwartungsfroh blickten wir neben ehrwürdigen windgestählten niedrigen Nadelbäumen in den glutroten Sonnenuntergang. Und schon wurde die schmale Mondsichel gleichzeitig mit der Sonne sichtbar. Verzweifelt, doch vergebens bäumte sich das Gewölk unter uns auf. Die Nacht senkte sich schnell und mit eisigem Hauch über uns. Nur noch -3 Grad zeigte das Quecksilber, da vergruben wir uns in unsere warmen Schlafsäcke. Wir waren zutiefst dankbar über die vortrefflichen Bedingungen aber auch über die grandiose Schönheit der taiwanesischen Bergwelt. Eine überwältigend klare Nacht, perfekte Horizontsicht und das auf der Regeninsel Taiwan! Jetzt fehlten nur noch die Meteore. Wir wagten es nicht, die 6 Stunden bis Mitternacht, wenn der Radiant erscheinen würde zu schlafen. Zunächst hörte ich auf meinem MiniDisk Rekorder das kosmische Adagio aus Bruckners 5. Symphonie. Der funkelnde Sternenhimmel schien mir wie ein Widerhall dieser Musik. Bruckners Musik wie eine Umsetzung der Sternenharmonie! Dann sprachen wir über das archaische Beobachten ohne jegliche Hilfsmittel, so wie wir es jetzt beim Meteorbeobachten erlebten. Das direkte Erleben prägt sich tief ein, ganz anders als alles künstliche Nacherleben am Bildschirm. Dann begannen wir über die Bedeutung der Astronomie für uns zu sprechen. Da wir Amateure sind, erfüllt uns eine Art Liebe zu den Gestirnen und dem Weltall. Nur wissenschaftliche Ergebnisse können uns noch nicht zufriedenstellen, ebensowenig das pure Genießen der Erscheinungen. Vielmehr sollen unsere Sternenerlebnisse auf unser restliches Leben ausstrahlen. Wir versuchen andere Menschen daran teilhaben zu lassen. Das astronomische Denken ist uns ein Werkzeug bei der Suche nach dem Sinn unseres Daseins. Es verhilft uns im Alltag "universeller", also weniger egozentrisch zu denken und zu handeln. Diese Art von Astronomie soll vieles mit einschließen: Wissenschaftliche und geistige Erkenntnis, Beobachtung und Freude an der Schönheit des Weltalls sowie Erweiterung des Denkens jenseits des Materialismus und Umsetzung dieser Entdeckungen im täglichen Leben. -

Doch schon war es 23.20 Uhr. Ich drehte mich nach Nordosten, als meine aufblasbare Matratze vom scharfen Gras zerstochen wurde. Schnell versuchte ich eine Reparatur mit Kocher und Heißklebstoff, denn der Boden glich einer Eisplatte und alles war mit Rauhreif bedeckt. Als ich fast fertig war, hörten wir vom 500 m entfernten Parkplatz einen Jubelschrei wie von einem fernen Fußballstadion, ganz entgegen der erwarteten fernöstlichen vornehmen Zurückhaltung. Das erste Leonid war pünktlich mit Radiantenaufgang um 23.35 Uhr weit über den Himmel gezogen. Ein Traum wurde Wirklichkeit. Immer mehr Leoniden begannen heftig bejubelt tief aus dem Nordosten auf langen Bahnen emporzusteigen. In der ersten Stunde zähle ich 125 Leoniden mit stark zunehmender Tendenz. Die Berechnungen des vorhergesagten Supermaximums scheinen sich zu bewahrheiten. Um 0.54 Uhr breche ich meine kontinuierliche Zählung ab, da es einfach keinen Spaß macht hier nur als Zählroboter zu wirken. Denn das Wunder und die Pracht der Erscheinungen werden durch das Numerieren nur gestört. Allerdings um nicht ganz zum Genußspechteln überzugehen, wende ich eine andere Methode an, um die Zahl der Sternschnuppen ziemlich genau zu verfolgen. Etwa alle 20 Minuten stoppe ich die Zeit, die abläuft, bis ich 100 Meteore gesehen habe. Um 1.38 Uhr fallen in nur 5 Minuten 100 Meteore. Helmut und ich haben jetzt trotz der Kälte schon fast völlig die Fassung verloren. Ein Aufschrei jagt den anderen. Der Himmel beginnt tatsächlich zu tränen. In der Aufregung vergesse ich beim Belichten mit meiner Spiegelreflexkamera den Objektivdeckel abzunehmen. Dadurch werden die schönsten Meteore bis 3 Uhr leider nicht aufs Dia gebannt. Auch meine Videokamera nimmt fleißig Meteore auf. Mit aufsteigendem Radiant werden die Bahnen kürzer. Es erscheinen immer mehr helle Feuerkugeln.

100 Meteore in 100 Sekunden

Das absolute Maximum ist für 2.14 Uhr vorhergesagt. Um diese Zeit sehe ich 100 Meteore in nur 100 Sekunden. Das entspricht einer Fallrate von 3600 Meteoren pro Stunde für einen Beobachter und einem ZHR-Wert von knapp 6000. Es würde diesen Bericht sprengen hier alle schönen Schnuppen aufzuzählen. Erwähnt seien nur 2 Riesenmeteore mit -8 M und eine mit -7 M, die kurz hintereinander in grellen Farben erscheinen, in ihrem Endblitz die Landschaft wie durch einen Photoblitz aufhellen und kurz nach 2 Uhr offenbar den Höhepunkt des Leonidenmaximums markieren. Fast 20 Minuten stehen davon noch zwei Rauchschweife sich langsam verquirlend am bewegten Nachthimmel. Ich erinnerte mit an eine Stelle aus der Bibel (Off.6,13): "...und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, gleichwie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von großem Wind bewegt." Meine Matratze ist wieder ganz ohne Luft, aber ich spüre nichts mehr von der Kälte, derart erliege ich dem Bann dieses himmlischen Wunders. Die Erde hat offenbar diesmal ein ehemaliges Filament des sich auflösenden Kometen Temple-Tuttle zentral getroffen. Besonders am extrem klaren Horizont sehen wir unglaubliche Mengen von Sternschnuppen. Das ist auch die Erklärung dafür, daß ich den offiziellen Maximumswert, der später von der IMO (International Meteor Organization) mit ZHR 3500 angegeben wird, deutlich übertreffe. Die Bedingungen hier bei uns sind schlichtweg zu gut! Wir können es immer noch nicht glauben, aber es ist kein Traum! Oftmals kommen mehrere Meteore gleichzeitig, einmal etwa 15 Stück mit einem Schlag. Der Radiant wird deutlich sichtbar durch das ständige Austrahlen von Sternschnuppen knapp links vom Löwenkopf. Helmut kann es nicht fassen: "Schnuppe ... schon wieder im Westen eine ... wieder im Westen ... wieder eine ... da noch eine ... es ist unglaublich ... (großer Jauchzer)" Ich sehe ungefähr eine zehnmal höhere Fallrate als in meiner bisher besten Meteornacht im August 1993 beim damaligen Perseiden-Burst. Wir können schon gar nicht mehr jeden Meteorid einzeln begrüßen, da man dabei einfach heiser wird.

Ich denke, höchstens einmal im Leben kann man ein solches Naturwunder erleben. Der Himmel ist in heftiger Wallung, alles scheint irgendwie herabzustürzen; es wirkt wie eine Katastrophe und ein Geschenk gleichzeitig. Zwischendurch versuche ich innezuhalten, das Gesehene tief in mir aufzunehmen, nicht nur wild zu schreien, sondern innerlich zu danken, daß sich alles so wunderbar gefügt hat. Da wieder eine -7 M Schnuppe! Majestätisch rast der Bolid über das Firmament, weiter und weiter und verlischt erst tief im Westen hinter uns. Um 2.53 Uhr hat die Fallrate geringfügig abgenommen: In 2 Minuten 30 Sekunden "nur noch" 100 Meteore! Das Gehirn ist fast unfähig so viele Meteore und dabei jedes einzeln zu registrieren. Die Stunde des größten "Ausbruchs" wurde mit dem MD Recorder live aufgezeichnet. Aber wer kann aufzeichnen, was in uns vor sich ging, in welche Ekstase wir gerieten, welche Freude uns ergriff? Die Nacht war erfüllt vom Feuermeteorenglanz. Überall blitzt es, immer wieder unerwartete Erscheinungen! Manchmal kurze glimmende, dann wieder lange feurige Schweife nachziehende Schnuppen, irregulär aufblitzend mit Unterbrechungen, dann wieder dahinfliegende Kügelchen in deutlichem rot oder blau, manchmal mit doppeltem Schweif, wie ein Düsenflugzeug. Die Menschentraube unten an der Straße hat sich längst aufgelöst, man hört von dort nichts mehr. -5 Grad muß für Taiwanesen fürchterlich kalt und ungewohnt sein. Jetzt hat sich ein gewaltig helles Zodiakallicht im Osten erhoben. Es steht fast senkrecht und übertrifft die Milchstraße deutlich an Helligkeit. Selbst als die Dämmerung um 5 Uhr anbricht, stechen immer noch helle Feuerkugeln in den bläulichen Morgenhimmel wie Risse in der Sphäre oder wie köstliche Tropfen erhabenen Lichts.

Ich sitze auf dem nackten eiskalten Boden, alles klirrt bei -5 Grad und Venus strahlt schon als fast letzter Stern. Ich habe in dieser Nacht ungefähr 7000 Sternschnuppen gesehen. Immer noch verglimmen einzelne Meteore! Jetzt denken wir, würde es am Sudelfeld langsam auf die Mitternacht zugehen. Wir spüren die Gedanken unserer daheimgebliebenen Meteorfreunde. Dann, als es schon fast Tag ist, erfreuen uns helle reine Farben des Hochgebirgsmorgens. Wir sinken erschöpft in den Schlaf. Ich erwache erst mittags in glühender tropischer Sonne immer noch trunken von den zauberischen Lichteindrücken der vergangenen Nacht.

In den nächsten Tagen besuche ich noch entzückende chinesische Tempel und Gärten sowie das Palastmuseum in Taipeh, in dem die wichtigsten Kunstschätze von ganz China aufbewahrt sind und treffe viele extrem freundliche Menschen. - Es fiel schwer, Abschied zu nehmen.

Meine Seele ist erfüllt vom himmlischen Feuer der Meteore, von der Einmaligkeit jener wundervollen Nacht, von der Schönheit der Schöpfung und vom Zauber des unvergeßlichen Taiwan.

Sebastian Deiries

Anmerkung:

Für den Morgen des 19. Novembers 2002 ist für Westeuropa, Westafrika und Nordamerika das letzte größere Maximum des Leonidenschauers vor dem Jahre 2066 vorhergesagt. Man erwartet ungefähr 1500 Meteore pro Stunde, allerdings bei Vollmond.


Last update: April 05, 2002 - Comments on this screen to sdeiries@eso.org